„Leben und leben helfen“ – Die Krise als Chance und Herausforderung

In oder in der Nähe von Krakau zu sein bedeutet, von der Geschichte zu lernen. Wir besitzen eine lange gemeinsame, polnische und europäische Geschichte, in der sich viele Antworten finden lassen. Natürlich wiederholt Geschichte sich nicht, aber es gibt generelle Lehren, die wir aus ihr ziehen können. Für mich war Karol Wojtyła, der Papst Johannes Paul II., einer der größten Europäer, den wir jemals treffen, erleben oder von dem wir lernen konnten – ebenso wie von den polnischen Nationalhelden, Tadeusz Kościuszko oder seinem Zeitgenossen Marschall Józef Poniatowski. Sie können als Beispiele und Vorbilder für einen erfolgreichen Kampf für Menschenwürde, Freiheit, die Zukunft ihrer Nation und den Staat gelten.

Botschaften der Hoffnung

Im September dieses Jahres erinnern wir uns an den Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren. Das 20. Jahrhundert hat uns eine Menge negative Lektionen beschert; es lehrte uns technisches Babarentum und eine skeptische Einstellung in Bezug auf die Weiterentwicklung des Menschen. Man denke an Auschwitz, Hiroshima, die Gräueltaten der Roten Khmer in Kambodscha oder die Terroranschläge von Al Kaida am 11. September 2001. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts könnte, ebenso wie unsere eigenen Erfahrungen, unsere Zukunftsvisionen für die Welt als ein schwarzes, negatives Bild malen. Dem gegenüber sollten wir uns bewusst werden, dass die Hoffnung überwiegt.

Wir müssen uns heute, mehr als je zuvor, an die verschiedenen Botschaften der Hoffnung erinnern. Karol Wojtyła rief in seiner Rede auf dem Petersplatz in Rom den Massen zu: “Habt keine Angst!“. Die Hoffnung geht über unsere Grenzen hinaus, sie übersteigt diese, sie durchbricht die Beschränkungen der menschlichen Natur. Hoffnung überwindet auch die Grenzen unserer politischen, wirtschaftlichen und sozialen Strukturen. Wir haben die Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges erlebt, aber ebenso die Hoffnung, die der SchumanPlan mit sich brachte und seine Früchte. Dieser Plan war nicht nur sehr vorausschauend, sondern eine äußerst starke Zusage an die Menschenwürde und an die Einheit der Nationen in Freiheit. In der Geschichte wurden mehrere Versuche unternommen, diese Einheit ohne Freiheit zu erreichen, aber sie alle waren letztendlich unmenschlich. Glücklicherweise sind sie vorüber, auch wenn die Versuchung weiterhin existiert. Ich will betonen, dass Europa es geschafft hat, nach dem Krieg, der weitaus mehr war als eine Krise, eine Region der Hoffnung zu werden. Nach dem Kalten Krieg kam die Erweiterung der Europäischen Union und damit wurde wiederum neue Hoffnung geschöpft. Vor kurzer Zeit besuchte ich Skopje, davor Belgrad. Man konnte hören, sehen, fühlen und riechen, wie viel Hoffnung die Menschen dort dem Prozess der europäischen Integration entgegenbringen. Wirkliche Hoffnung verbunden mit wirklichen Erwartungen. Mit dem Beitritt Polens, der Slowakei und der anderen ehemaligen „Ostblockstaaten“ zur EU wurde diese mehr europäisch, als sie es vorher war. Sie ist nun vollständiger, ausgeglichener, mit einem besseren Gedächtnis versehen, das nicht nur der Verbrechen im Westen, sondern auch der im Osten gemeinsam gedenken kann. Europa sollte nun besser in der Lage sein, gemeinsam zu Handeln.

Ein hervortretendes Moment von Krise ist stets die Möglichkeit, etwas zu ändern, innovativ zu sein. Die EU ist die deutlichste, ich würde sogar sagen verheißungsvollste geopolitische Neuerung, seit der Westfälische Friede 1648 das ständig wachsende System souveräner Staaten schuf. Wir bedürfen dieser Art von Innovationen, wir müssen ganz konkret die Hoffnung schüren und unumstößliche Zeugnisse schaffen. Aus diesem Grund sprechen wir so gerne über unsere Gründerväter und –mütter und erinnern uns an ihre Ideen und ihr Schaffen. Die derzeitige Krise hat zahlreiche Dimensionen: finanzielle, soziale, wirtschaftliche und politische. Mindestens zwei davon trafen zusammen und verschärften die Situation auf den Finanzmärkten. Auf der einen Seite Profit um des Profits willen, Wachstum um des Wachstums willen. Handel mit Derivaten, abgeleitet aus Derivaten von Derivaten. Dies alles führte zu enorm steigenden Risiken. Keine oder zu wenig Transparenz. Zu viel Gier, keine wirkliche Haftung und Verantwortung. Goldene Handschläge, goldene Fallschirme für zusammenbrechende Institute. Auf der anderen Seite Konsumkredite und Kredite für Kredite. Konsum um des Konsums willen. Meines Erachtens zu viel Konsum, der eine schlechtere oder sogar keine Zukunft bedeutet. Die Antwort einiger Länder, einiger Regierungen, einiger Parteien auf die Krise war ökonomischer Patriotismus, der eine neue Form des Nationalismus darstellt und damit eine sehr konkrete Form von staatlichem Egoismus. Die sozialen Konsequenzen sind nicht nur Arbeitslosigkeit, sondern auch Polarisierung und Radikalisierung. Insgesamt eine Zunahme von Extremen. Dies stellt uns vor neue politische Herausforderungen. Eine höhere Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft, extreme Ideen, Vorschläge und Angebote, radikale Stimmen und Forderungen, Populismus. All das wiederum birgt unvorhersehbare und unkontrollierbare Konsequenzen in sich.

Personalismus und Kultur

Wir befinden uns in einer Situation, in der wir einerseits seit 20 Jahren in Frieden leben, andererseits in einigen Ländern, speziell im Westen, eine neue Generation herangewachsen ist, die wir als „la generation tout de suite“, „la generazione tutto subito“, „wszystko zaraz“ , „alles sogleich“ bezeichnen. Die Kosten hierfür müssen von der nachfolgenden Generation, der unserer Kinder, getragen werden. Es gibt nichts umsonst. Deswegen benötigen wir das Verhalten und die Mentalität unserer Gründerväter und -mütter. Wir müssen an die nachfolgenden Generationen denken, nicht nur an die zukünftigen Umfragen und die öffentliche Meinung. Es wäre nicht nur bedauernswert, sondern eine wahre Tragödie, wie ein Pendel vom Kommunismus zum Konsumismus, vom Kollektivismus zum Individualismus zu schwingen. Es existiert auch ein Mittelweg, eine Balance, eine verantwortungsvolle Strategie. Hierbei spielt die Menschenwürde eine Hauptrolle. „Personalismus“ ist meiner Ansicht nach die beste Antwort auf diese Versuchungen. Wir benötigen nicht ein mehr an Regulierung, sondern eine bessere, effektivere Regulierung unserer Wirtschaft. Nicht ein mehr an Staat, sondern einen aktiveren, handlungsfähigeren Staat. Wir benötigen mehr Aufgeschlossenheit unseres Verstandes und müssen lernen über die uns begrenzenden, oftmals sehr egoistischen Interessen hinaus zu denken. Diese Krise ist nicht die erste, die wir erleben und wird wahrscheinlich auch nicht die letzte sein. Aus diesem Grund sollten wir für die Zukunft vorbereitet sein, um den kommenden schwierigen Herausforderungen entgegentreten zu können. In Bezug auf Fragen der EU-Erweiterung, Energiepolitik, wirtschaftlichen Entwicklung und Gesellschaft gibt es keine einfachen Antworten mehr. Aber wir sollten die Krise als Chance und Herausforderung begreifen. Es wird uns teuer zu stehen kommen, falls wir die sich uns bietenden Möglichkeiten, Kooperationen zu verstärken und zu größerer Reife zu gelangen, verpassen würden.

Auf einen mir besonders wichtigen Punkt möchte ich hinweisen: die Kultur. Kulturelle Werte gedeihen zumeist individuell und gemeinsam innerhalb einer Gesellschaft. Die entstandene Kultur regeneriert darauf basierend Werte, denn unsere Kultur definiert unsere Beziehungen zueinander, sie bestimmt, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und wie wir den Menschen als solchen verstehen. Somit ist Kultur entscheidend für unsere Wahrnehmung und unser Handeln. Der höchste Wert, der uns in der EU, ebenso wie in jeder Mikro- oder Makrogemeinschaft vereint, ist die Menschenwürde. Menschenwürde, die jedem Menschen überall innewohnt. Hieraus ergibt sich meines Erachtens eine allumfassende Geschwisterlichkeit. In nur toleranten Gesellschaften gilt zumeist der Leitsatz „Leben und leben lassen“. In einer geschwisterlichen, christlichen und solidarischen Gesellschaft hingegen lautet die Botschaft: „Leben und leben helfen.“ Wenn der höchste Wert, der uns vereint, in Frage gestellt und relativiert wird, schwächt dies auch die Bedeutung aller anderen Werte, letztendlich auch die Menschenrechte. Ich fordere daher eine Kultur der menschlichen Würde, eine Ethik der Verantwortung. Über Rechte zu sprechen heißt dann, gleichzeitig auch die hiermit verbundenen Pflichten und beider Verbindlichkeit zu benennen. Wir sind immer auch verantwortlich für die zweite Seite der Medaille. Irgendwer muss immer die Verantwortung und die daraus entstehenden Konsequenzen tragen.

Im Rahmen dieser Konferenz wurde oftmals das Thema „Integration“ angesprochen. Integration bedeutet niemals Absorption oder Assimilation. Die europäische Integration sollte hier als Synonym für das Zusammenwirken als gleichberechtigte Partner gelten. Als Beispiel dafür, dass alle Betroffenen gleichberechtigt sind, nicht nur Premierminister, Parlamentsmitglieder oder EU-Kommissare. Die Rolle von Kultur in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ist hierbei essentiell. Wir brauchen in diesem Sinne mehr Kultur. Keine spezielle Feiertagskultur, sondern eine für das alltägliche Leben, für jeden Bereich des Lebens. Denn, wo Kultur nicht vorhanden ist, mangelt es an vielem, etwa an Respekt und Verantwortung. Es besteht dabei kein Gegensatz zwischen Wirtschaft und Kultur. Die eine handelt von Profiten, die andere von Zeremonien und Feierlichkeiten. Kultur kreiert und gibt. Konsum oder Konsumismus hingegen ist keine Kultur. Kultur ist ein Katalysator für Kreativität und Innovation. Wir alle haben Teil an den Geschenken der Freiheit, an den Möglichkeiten des Lernens und Schaffens.

Wissen, Verantwortung, Offenheit

Das Jahr 2009 wurde zum europäischen Jahr der Kreativität und Innovation erklärt. Mir hat einmal ein kluger Professor gesagt, dass eine kreative Gesellschaft drei Dinge miteinander kombiniert: Talent, Technologie und Toleranz. Prinzipiell besitzt jeder Talent. Hinter dem Begriff der Technologie verbergen sich Grundfertigkeiten, Grundbedürfnisse der Ausbildung, Weiterbildung und des Trainings der Talente. Toleranz meint, dass wir alle hierin einbeziehen müssen. Auch die scheinbar weniger Talentierten, die Ausgegrenzten und Gehinderten.

Wie ich schon betont habe, jeder besitzt Talent, und eine kreative Gesellschaft wird durch einen jeden integrierenden Ansatz stärker. Wir besitzen eine Menge großartiger Beispiele für die Anwendung von Wissen und Innovation. Ich denke, dass wir genau diese benötigen, wenn wir gestärkt und schneller aus dieser Krise herausfinden wollen. Ein besseres, breiteres Wissen ist die Lösung für die Probleme, die diese Krise mit sich bringt. Dies bedeutet, dass wir Sorge dafür tragen müssen, dass alle Zugang zu Bildung erhalten. Die Ausbildung muss zudem verknüpft werden mit Forschung und Wirtschaft. Denn genau dies produziert neue Innovation. Aber alleine ein Angebot schaffen reicht nicht. Ziel unserer Bemühungen muss es sein, von der Informationsgesellschaft zu einer „Weisen Gesellschaft“ zu gelangen. Dafür müssen wir notwendigerweise den Weg zu einer Wissensgesellschaft beschreiten. Pure Information hingegen ist nicht ausreichend. Mein Vater war weise, obgleich er keinen Hochschulabschluss besaß, er hatte nie die Chance gehabt eine Universität zu besuchen. Weise Menschen verbinden ihr Wissen mit Werten. Und die Werte sind das, was dabei am meisten zählt.

Bei genauer Betrachtung der Zeitgeschichte lassen sich viele Paradoxien erkennen, die uns direkt in die Krise geführt haben: immer größere Häuser, kleinere Familien, Missachtung der Umwelt etc.. Wir verbrauchen die Ressourcen unserer Kinder. Es gibt hier so viele Beispiele, die ich anführen könnte: schnellere Computer, schnellere Handys, schnellere Autos, aber weniger Zeit für Beziehungen, für wirklich menschliche Beziehungen. Wir verfügen über mehr Informationen, aber vielleicht weniger Vernunft. Um diese Paradoxien zu durchbrechen, müssen wir wissen, dass wir lernen können und sollten. In diesem Kontext kommt eine der großartigsten Botschaften von Papst Benedikt XVI. In seiner Sozialenzyklika „Caritas in veritate“ (die Liebe in der Wahrheit), die diesen Sommer (2009) erschienen ist, schreibt er: Die Kirche könne keine praktischen Lösungen für die ökonomische Krise liefern. Aber sie könne zu Verantwortungsbewusstsein, zur Wahrheit, zu einer Ethik, die sowohl das menschliche Individuum, als auch die gesamte Menschheit respektiert, erziehen. Die Kirche könne außerdem, zusammen mit Staat und Zivilgesellschaft, die bedürftigsten Menschen unterstützen sowie uns alle dazu anhalten, unser natürliches und kulturelles Erbe zu schützen und zu pflegen. Der interkulturelle und interreligiöse Dialog könne zudem Hilfe und Unterstützung bei der Entwicklung einer globalen Zivilgesellschaft und der gemeinsamen Werte der Menschheitsfamilie bieten.

Die Welt wird nach der Krise noch globaler, komplexer und konkurrenzbezogen sein als zuvor. Auf der einen Seite werden wir ein Teil dieser neuen Welt sein, auf der anderen Seite aber sollten wir diese neue Welt mitgestalten. Europa besitzt hierfür ein immenses Potential. Inspiriert durch Karol Wojtyła will ich eine letzte Idee vorstellen: Europa sollte ein Synonym werden für Offenheit. Offenheit verbindet Aufgeschlossenheit und Offenherzigkeit. Ein offener Geist bezieht sich auf die Kompetenz, konkurrenzfähige, rational logische Antworten zu Fragen der Finanzwelt, Wirtschaft und Umwelt zu finden. Doch dies alleine reicht nicht aus. Ebenso benötigen wir Herz, das bedeutet Empathie, Sympathie und Solidarität mit den anderen, mit allen. Ich wünsche uns, der Europäischen Gemeinschaft, eine solche Gemeinschaft zu werden.

Share